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dyingeyes weblog: das persönliche Weblog von Boris Stumpf aus Frankfurt am Main

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Rückzugsgefechte

Tuesday, den 11. September 2007

Die Vorgehensweise ist inzwischen leider sattsam bekannt.

Buchautorin Eva Herrman sagte (ich zitiere laut Netzeitung):

Es war eine grausame Zeit, das war ein völlig durchgeknallter, hochgefährlicher Politiker, der das deutsche Volk ins Verderben geführt hat. (…) Was gut war, das sind die Werte, Kinder, Mütter, Familie, Zusammenhalt.

Geschichtsbild?

Daran ist m.E. in der Sache schlicht falsch, dass ein »völlig durchgeknallter, hochgefährlicher Politiker« das deutsche Volk ins Verderben geführt hat. Erstens ist es zu diskutieren, ob Hitler »völlig durchgeknallt« war, und zweitens ist das deutsche Volk weitgehend willig und gehorsam einer ganzen Bande von kriminellen Rassisten nachgelaufen, die es Jahre zuvor schon mehrheitlich ins Parlament respektive in an die Regierung gewählt hat. Dies ist grob vereinfacht dargestellt. Siehe meinen Kommentar.

Es ist im Übrigen eine bekannte und geradezu typische Aussagekonstruktion, die gewöhnlich den Versuchen einer revisionistischen Geschichtsschreibung entspringt, das deutsche Volk passivisch als »ins Verderben Geführtes« zu bezeichnen.
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Politischer Phrasenbaukasten

Tuesday, den 8. Mai 2007

Ich stelle mir vor, dass es einen Phrasenbaukasten für Politiker gibt. Darin sind u.a. Phrasen für verbale Rückzugsgefechte enthalten:

Rückzugsphrase #1:
»Es tut mir leid, wenn meine Äußerungen in der Öffentlichkeit missverständlich aufgefasst wurden«

Rückzugsphrase #2:
»Ich entschuldige mich und nehme meine Formulierung zurück«

Klingt beides gut und beruhigt erfahrungsgemäß die Öffentlichkeit, wobei es für den jeweils genauen Wortlaut eine durchaus größere Bandbreite an Ausdrucksmöglichkeiten gibt. Aber die Crux solcher Phrasen offenbart sich erst bei genauerer Betrachtung und entgeht einem leicht angesichts der oberflächlichen Kurzatmigkeit medialer Aufmerksamkeit:

#1 schiebt die Verantwortung für den geäußerten Inhalt letzlich dem Rezipienten zu. Man kann weiterhin jede Schändlichkeit behaupten und beruft sich am Ende einfach auf Fehlinterpretationen. In der Sache bleibt man dagegen stoisch bei seiner Auffassung.

#2 nimmt lediglich die Formulierung zurück – nichts anderes wird ja behauptet. Inhaltlich bleibt man wiederum schadlos und stoisch bei seiner Auffassung. Schade dabei ist, dass von Medienseite nie nachgefragt wird, wie die betreffende Person denn ihre Ansicht neu zu formulieren gedenkt.

Beides konnten wir gerade wieder im Fall des angeblich ausgewiesenen NS-Gegners Filbinger respektive der versuchten »Korrektur« dessen historisch-politischer Einordnung durch den Baden-Württembergischen Ministerpräsidenten Oettinger erleben.

Und jetzt könnten wir einfach mal abwarten, ob CSU-Generalsekretär Söder wegen seines dreisten Affronts gegen den Bundespräsidenten so unter Druck geraten sein wird, dass er womöglich ebenfalls in den kleinen Phrasenbaukasten greift…

PS: Die bekannteste Phrase in unserem Baukasten ist übrigens wahrscheinlich diese:
»Ich übernehme [dafür] die volle politische Verantwortung«, oft angereichert mit einer näheren inhaltlichen Bestimmung.

Dieses Sätzlein klingt nach schwer geschulterter politischer Last, möchte einen nachhaltig guten Eindruck erheischen und wird immer dann gebraucht, wenn man selbst oder das ausgeübte Amt unter Druck geraten ist und man trotz allem sicher ist, dass diese »Übernahme« wohlfeil ist und völlig folgenlos bleiben wird.

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  • Boris (Autor) am 20.4.2012:
    Das ist tatsächlich eine Möglichkeit, die ich auch bedenke: augenstille.de umbauen wie...
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