Tuesday, den 8. May 2007
Ich stelle mir vor, dass es einen Phrasenbaukasten für Politiker gibt. Darin sind u.a. Phrasen für verbale Rückzugsgefechte enthalten:
Rückzugsphrase #1:
»Es tut mir leid, wenn meine Äußerungen in der Öffentlichkeit missverständlich aufgefasst wurden«
Rückzugsphrase #2:
»Ich entschuldige mich und nehme meine Formulierung zurück«
Klingt beides gut und beruhigt erfahrungsgemäß die Öffentlichkeit, wobei es für den jeweils genauen Wortlaut eine durchaus größere Bandbreite an Ausdrucksmöglichkeiten gibt. Aber die Crux solcher Phrasen offenbart sich erst bei genauerer Betrachtung und entgeht einem leicht angesichts der oberflächlichen Kurzatmigkeit medialer Aufmerksamkeit:
#1 schiebt die Verantwortung für den geäußerten Inhalt letzlich dem Rezipienten zu. Man kann weiterhin jede Schändlichkeit behaupten und beruft sich am Ende einfach auf Fehlinterpretationen. In der Sache bleibt man dagegen stoisch bei seiner Auffassung.
#2 nimmt lediglich die Formulierung zurück – nichts anderes wird ja behauptet. Inhaltlich bleibt man wiederum schadlos und stoisch bei seiner Auffassung. Schade dabei ist, dass von Medienseite nie nachgefragt wird, wie die betreffende Person denn ihre Ansicht neu zu formulieren gedenkt.
Beides konnten wir gerade wieder im Fall des angeblich ausgewiesenen NS-Gegners Filbinger respektive der versuchten »Korrektur« dessen historisch-politischer Einordnung durch den Baden-Württembergischen Ministerpräsidenten Oettinger erleben.
Und jetzt könnten wir einfach mal abwarten, ob CSU-Generalsekretär Söder wegen seines dreisten Affronts gegen den Bundespräsidenten so unter Druck geraten sein wird, dass er womöglich ebenfalls in den kleinen Phrasenbaukasten greift…
PS: Die bekannteste Phrase in unserem Baukasten ist übrigens wahrscheinlich diese:
»Ich übernehme [dafür] die volle politische Verantwortung«, oft angereichert mit einer näheren inhaltlichen Bestimmung.
Dieses Sätzlein klingt nach schwer geschulterter politischer Last, möchte einen nachhaltig guten Eindruck erheischen und wird immer dann gebraucht, wenn man selbst oder das ausgeübte Amt unter Druck geraten ist und man trotz allem sicher ist, dass diese »Übernahme« wohlfeil ist und völlig folgenlos bleiben wird.