Totalitäre Sprache – zum Unwort des Jahres
Tuesday, den 18. Januar 2005
Das Unwort des Jahres 2004 ist:
- Humankapital
Eine Jury rund um den Frankfurter Sprachwissenschaftler Prof. Horst Dieter Schlosser wählt Unwörter des Jahres seit 1991 – heute also zum vierzehnten Mal.
Zum Unwort 2004 heißt es unter anderem zur Begründung:
Humankapital degradiert nicht nur Arbeitskräfte in Betrieben, sondern Menschen überhaupt zu nur noch ökonomisch interessanten Größen.
Ich möchte Folgendes anmerken, bzw. ergänzen:
Die Haltung, Menschen als etwas anzusehen, das man in ökonomischen wie politischen Zusammenhängen als berechenbare Größe benutzen und verwerten kann, und der unmittelbar daraus folgende – entlarvende – Sprachgebrauch – entspringen m.E. direkt einer letzten Endes totalitären Weltsicht. Die Verwendung eines Begriffes wie “Humankapital” ist nicht sinnvoll abzugrenzen von der Verwendung eines Begriffes wie “Menschenmaterial”. Beide sind – gesinnungsgleich, und sie drücken unmittelbar das dahinter stehende Menschenbild aus.
Unmissverständlich derselbe Un-Geist steckt hinter euphemistischen Begriffen wie “Begrüßungszentren” für Auffanglager für afrikanische Flüchtlinge, geprägt von Bundesinnenminister Otto Schily. Die o.g. Jury wählte dieses Unwort an zweiter Stelle, deswegen es ebenfalls hier:
Begrüßungszentrum
Auch hier sei ergänzt, die o.g. Jury weist ebenfalls darauf hin:
Haftanstalten zur Abschiebung heißen offiziell “Ausreisezentrum“.
Darf ich für beide Bezeichnungen zusammenfassend nachdenklich feststellen, dass sie einem in einem bekannten deutschen historischen Umfeld verwendeten Begriff nicht ganz unähnlich sind?
Man muss aufmerksam auf die Sprache hören – in ihr entlarvt sich der Geist, der meint, sich dahinter verbergen zu können.
via ARD-Videotext
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