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dyingeyes weblog: das persönliche Weblog von Boris Stumpf aus Frankfurt am Main

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Eine weitere kleine Bücherliste

23. Mai 2010 – 20:59 Uhr

Und weiter geht’s, denn da sind noch ein paar Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe und auf keinen Fall unerwähnt lassen möchte:

I

Darwinia
Robert Charles Wilson (München 2010)
Darwinia (New York 1998)
ISBN 978-3-453-52646-4

Eine Wiederveröffentlichung, offenbar im Zuge des kürzlich gestiegenen Popularitäts­grades dieses interessanten Autors lohnenswert geworden.
Im Jahre 1912 verschwindet von einem auf den anderen Moment der europäische Kontinent, so, wie wir ihn kennen. Stattdessen findet sich dort unvermittelt völlig unbekanntes Terrain, das auf die zu diversen Expeditionen aufbrechenden Forscher- und Erschließer­gruppen völlig fremdartig und evolutions­geschichtlich altertümlich wirkt. Wir begleiten eine dieser Expeditionen und das Leben einiger der Teilnehmer in den Jahrzehnten danach bis in die Sechzigerjahre hinein. Je tiefer die Menschen in diesen fremden Kontinent eindringen, desto rätselhafter und auch gefährlicher scheint er zu werden – das Rätsel seiner Entstehung und der sich darum drängenden Fragen erschließt sich den Protagonisten und uns Lesern erst gegen Ende des Buches.

Fazit: Ein typischer Wilson, denke ich: ein vergleichsweise ruhiger Abenteuerroman, der weitgehend ohne ›Action‹ auskommt und sich Zeit und Raum für die Figuren und die Ausfaltung des phantastischen Ereignisses nimmt. Wie üblich thematisiert Wilson auch in diesem früheren Roman ein rätselhaftes und für die handelnden Figuren lange Zeit unverständliches Ereignis in einem interessanten Spannungsfeld zwischen nüchterner und gewohnter Realtät und Phantastik.

II

Flash
Robert J. Sawyer (München 2008)
Flashforward (New York 1999)
ISBN 978-3-453-52370-8

Der Roman, auf dem die gleichnamige US-Fernsehserie tatsächlich gar nicht basiert. Die Serie interessiert mich nicht sonderlich, sie nimmt auch lediglich das zentrale Ereignis des Romans – und schon das in veränderter Form – zum Ausgangspunkt, um sogleich eine ganz andere Geschichte zu erzählen.

Der nur wenige Sekunden dauernde Bewusstseins­aussetzer aller Menschen lässt diese – mit ganz wenigen Ausnahmen – einen kurzen Blick in ihr Leben in zwanzig Jahren werfen. Was das im jetzigen Leben einiger Protagonisten bewirkt und auslöst, und gleichzeitig der Versuch einiger dieser Figuren, Ursache und Umstände des rätselhaften Ereignisses aufzuklären, bestimmt den Fortgang des Romans.

Es entspinnt sich ein recht spannender wissenschaftlich orientierter Thriller, der Autor bleibt dabei nahe an zeitgenössischen physikalischen Erkenntnissen, wie sie rund um das CERN, den Haupt-Handlungsort, entwickelt und erforscht werden. Noch wichtiger und tatsächlich das tragende Gerüst des Romans ist jedoch der spannende und durchaus gelungene Versuch, die psychische Entwicklung der Protagonisten angesichts eines solchen nahezu unvorstellbaren Ereignisses zu thematisieren.

Fazit: Spannende ›harte‹ Science-Fiction eines auf diesem Gebiet erkennbar erfahrenen Autors, die mir Lust auf mehr gemacht hat. Tatsächlich hätte ich mir bei diesem Roman aber noch einige Dutzend mehr Seiten erzählerischen ›Stoffes‹ gewünscht.

III

Diamond Age. Die Grenzwelt
Neal Stephenson (München 2001)
The Diamond Age (New York 1995)
ISBN 3-442-45154-X

Eher selten passiert es mir, dass ich beim Griff ins Buchhändlerregal leicht daneben greife und ein Buch erwische, dass so gar nicht an mich gehen mag. ›Diamond Age‹ ist so ein Buch, dass ich nur mit einiger Mühe zu Ende gelesen habe. Die eigentlich interessant angelegte Geschichte um ein kleines Mädchen aus der unterprivilegierten Unterschicht in einem zukünftigen Shanghai, das sich durch einen geschickten Schachzug ihres Vaters, eines genialen Programmierers, mittels einer Bildungsfibel, die für ein Mädchen der Oberschicht bestimmt ist, in ein Informations- und Bildungsnetzwerk einloggt, dass es ihr ermöglicht, sich auf geradezu subversive Weise zu bilden, ist mir einfach zu kulissenhaft und ›gewollt‹ originell aufgezogen.

Die merkwürdige zukünftige Gesellschaft, die Stephenson hier irgendwo zwischen starrer Feudalgesellschaft nach Muster des 19. Jahrhunderts und modernster virtuell vernetzter Welt entwickelt, erscheint mir nie wirklich glaubwürdig. Diese Welt blieb mir über den ganzen Roman hinweg fremd und distanziert. Darüber hinaus pflegt der Autor eine, wie soll ich sagen, ›cyberpunkig flippige‹ Sprache, die mir so gar nicht liegt.

Fazit: Für meinen Geschmack ist hier eine eigentlich hochinteressante Geschichte in einer arg künstlichen Weltkonstruktion und im Duktus einer gewollt modern wirkenden Sprache nahezu untergegangen. Ich wünschte mir fast, der Autor des nachfolgend besprochenen Buches hätte sich diese Geschichte ausgedacht und entwickelt …

IV

Endymion – Pforten der Zeit/Die Auferstehung
Dan Simmons (München 2003)
Endymion (New York 1995)
The Rise of Endymion (New York 1997)
ISBN 978-3-442-24251-1

Ich gebe zu, während der ersten paar Dutzend Seiten war ich skeptisch, ob dieses gewaltige Werk aus zwei Romanen meinen Vorlieben in phantastischer Literatur überhaupt entsprechen würde. Schließlich zeigte sich, dass es das nicht tut. Stattdessen hat es kurzerhand den Rahmen meiner Vorlieben erweitert, und was dann folgte, war ein unglaublicher Lesegenuss über insgesamt knapp über 1300 Seiten!

Die beiden Romane rund um den jungen Raul Endymion (von der gleichnamigen Welt) und seine große Liebe – und Lebensaufgabe – Aenea sind ein Füllhorn an phantastischen Ideen, geschrieben mit einer schier atemberaubenden Lust am Fabulieren. Im Grunde handelt es sich um einen, ja, fast klassischen Bildungsroman alter Schule; heute nennt man das wohl ›Coming of Age‹-Geschichte. Und diese Geschichte spielt in einer ferneren Zukunft der Menschheit, die sich auf zahlreiche entfernte Planeten verbreitet hat und sich über viele Epochen in harten Glaubens- und Gesellschaftskonflikten verzettelt hat.

Der zugrunde liegende gewaltige Weltentwurf dieses Werks entstammt den beiden Vorgängerromanen des Autors ›Hyperion‹ und ›Der Fall von Hyperion‹ (zusammengefasst in Deutsch als Die Hyperion-Gesänge). Wie mir scheint, können die beiden Endymion-Romane jedoch ohne die Vorgänger alleine bestehen und verstanden werden.

Die beiden Hauptfiguren stehen im Zentrum eines viele Welten umspannenden Geschehens rund um die Jagd auf Aenea, die herrschenden Mächten zu Folge eine existenzielle Gefahr für den Fortbestand der bestehenden menschlichen Gesellschaften darstellt. Sie fürchten tatsächlich nichts weniger als den Verlust ihrer bislang nahezu unumschränkten Macht. Aeneas – und Endymions – Reise ist Flucht und Weg zur Aufklärung der menschlichen Gesellschaft gleichermaßen.

Am Ende dieses Wälzers sah ich mich fast sprachlos und beinahe zu Tränen gerührt, ein Gefühl, das ich vielleicht zuletzt vor vielen Jahren nach der Lektüre von Stephen Kings ›The Stand‹ hatte.

Ich würde dieses Werk, eng betrachtet, ansiedeln irgendwo im Grenzbereich zwischen Science-Fiction und Fantasy, aber letzten Endes ist das in diesem Fall völlig egal: es ist einfach große Literatur, die jederzeit über Genreeinteilungen hinausragt.

Fazit: Schlicht atemberaubend und gewaltig!

Und sonst noch?

Nun, zwischen den genannten Büchern habe ich natürlich weitere Romane eines meiner Lieblinge Dean Koontz gelesen, neben meiner gelegentlichen Fortsetzung der Kay-Scarpetta-Reihe von Patricia Cornwell.

Eine Enttäuschung muss ich allerdings auch erwähnen, denn es passiert mir eigentlich selten, dass ich ein Buch anfange und nach kaum der Hälfte enttäuscht zur Seite lege.

Larry Nivens »Ringwelt«, der eine offenbar bis heute fortgesetzte Reihe begründete, erschien erstmals 1970 und kann das auch kaum verleugnen. Ich erinnere mich aus meiner Jugend in den Siebziger­jahren und der Zeit des Erwachsen­werdens an viele SF-Bücher, an die mich »Ringwelt« im Rückblick erinnert: gut im technischen SF-Aspekt, eher schwach in Story, Figuren­entwicklung, Dialogen und Erzählweise.

Kurz: Die ungemeine Faszination, die sich angesichts der Entdeckung einer solchen seltsamen künstlichen Welt einstellen müsste, stellt sich irgendwie weder bei den Figuren noch bei mir, dem Leser ein. Unter gut geschriebener Abenteuer-SF stelle ich mir gegenwärtig doch eher z.B. die beiden Reihen von Jack McDevitt um seine liebens­würdigen Figuren Alex Benedict/Chase Kolpath und Priscilla ›Hutch‹ Hutchins vor, die farbenfroh ausgestattet sind und mir mit ihren Abenteuern des Autors Lust am Erzählen von spannenden SF-Geschichten vermitteln.

Zur Zeit lese ich im letzten Drittel von Dean Koontz’ viertem Odd-Thomas-Roman Odd Hours, der Lust auf mehr macht; drei weitere Geschichten um diesen sympathischen jungen Burschen sollen ja noch folgen. Anschließend werde ich überlegen, ob ich nach dem einen oder anderen kürzeren Buch den herannahenden Sommer u.a. mit Dan Simmons’ »Ilium« und danach (oder davor?) »Sommer der Nacht« verbringe.

Und dann warten da noch im Regal …

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3 Kommentare zu ›Eine weitere kleine Bücherliste‹

  1. Dirk

    Zu The Diamond Age: Die deutsche Übersetzung davon ist leider sehr schlecht. Ich nehme an, dass, was du als “›cyberpunkig flippige‹ Sprache” bezeichnest, ist auch hauptsächlich dieser Übersetzung geschuldet. Sicherlich nicht alles, denn Diamond Age ist Cyberpunk, anders kann man es nicht nennen, aber eigentlich schreibt Neal Stephenson eben nicht gewollt flippig. Allerdings, wenn du im Rahmen eines Fantasy-/SF-Buches die entwickelte Welt für “unglaubwürdig” hälst, dann kann dir das Buch nicht gefallen, das ist klar. Aber das ist IMHO auch die falsche Einstellung für diese Art von Büchern, zumindest wenn man nach Glaubwürdigkeit geht.

  2. Boris (Autor)

    Zu dem Weltentwurf, der für mich unglaubwürdig war — vielleicht ist unglaubwürdig auch das falsche Wort:

    Ich fand diese merkwürdige Konstruktion aus zukünftiger hochtechnisierter Daten-vernetzter Welt und diesem völlig rückwärtigen und steifen Viktorianismus einfach etwas an den Haaren herbeigezogen. Zu konstruiert.

    Im Gegensatz dazu finde ich die Weltentwürfe von Dan Simmons in den beiden Hyperion/Endymion-Romanen höchst befriedigend.

    In Sachen Sprache ist natürlich zuerst einmal die Übersetzung zu verdächtigen … vielleicht sollte ich mal gelegentlich einen anderen Stephenson im Original in die Hand nehmen.

  3. Dirk

    Der Viktorianismus ist ja nur eine Enklave, die sich so entwickelt hat, d.h. eine Gruppe, die sich die moralischen und sozioligischen Vorstellungen des Viktorianismus als Grundlage und Lebensideal angenommen hat. Daneben existieren ja noch hunderte, gar tausende andere Enklaven, die auf anderen Grundlagen basieren. In diesem Fall hat er es natürlich als Hintergrund konstruiert, denn ein “Buch” als Lehrer funktioniert in einer Gesellschaft mit strengen Richtlinien wohl besser als Idee als in einer vollkommen freien Gesellschaft.

    Bzgl. Übersetzung: Ich hab mir von Stephenson “Snow Crash” versehentlich als deutsche Ausgabe gekauft, und die Übersetzung finde ich grauslich. Wie gut oder schlecht die von Diamond Age ist, kann ich nicht sagen, würde mich aber nicht wundern, wenn die ebenfalls verbesserungswürdig wäre.

    Die Romane von Dan Simmons mit Hyperion/Endymion habe ich nicht gelesen, daher kann ich es nicht vergleichen. Mal sehen, ob die jemand aus meinem Bekanntenkreis hat und mir leihen kann.

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