Google Chrome und die hibbelige Web-Welt
4. September 2008 – 22:43 Uhr
Der wahrscheinlich weltgrößte Datenkonzentrator bringt einen eigenen Webbrowser ins Rennen, und alle Web-Welt steht Spalier und feiert. Nun, alle feiern nicht, einige haben Befremdliches in den Nutzungsbedingungen gefunden und bewertet. Im Grunde ist es ja ein Phänomen, wie man es bei Apple kennt: Das Unternehmen hüstelt ein neues Gadget aus, das in der einen oder anderen Form glücklich machen soll, und die Anhängerschar verbreitet und/oder bloggt eilfertig die frohe Kunde.
Wie dem auch immer sei. So lange die Software nicht für Linux (ausschließlich nativ bitte, nicht als Wine-Konstrukt) erhältlich ist, ist sie für mich im Grunde ohne Interesse, was eine Nutzung angeht. In Sachen standardkonformer Darstellung von Webinhalten (HTML/CSS) halte ich mich an dieser Stelle auch deswegen vornehm zurück und überlasse es eifrigeren Webkrauts-Kollegen, sich hierzu zu äußern. Nach meinen Informationen soll das in Kürze passieren. Bitte dort gelegentlich reinschauen.
Was habe ich alles über den neuen Browser gehört? Ein paar wenige Links zum Stöbern seien herausgegriffen:
Ziemlich schnell soll er sein. Oder auch nicht.
Ein ganz schlichtes GUI soll er haben. Was man auch durchaus als hässlich bezeichnen könnte.
Und dann nochmals die Sache mit dem Datenschutz und den Nutzungsbedingungen.
Wie dem auch immer sein. (Ich wiederhole mich)
Kurztest des Ressourcenverbrauchs
Ich habe den Browser heruntergeladen, unter Windows XP installiert und mich eine kleine, kontrollierte Surfrunde lang mit der Entwicklung des Ressourcenverbrauchs und der Performance beschäftigt. Meine Erkenntnisse:
Festplatten-Verbrauch
Installiert belegt Google Chrome (1) vom Fleck weg ca. 46 MB. Nach der ersten Surfsitzung hat er sich noch 2,2 MB Updatedaten geholt. Firefox 3 begnügt sich installiert auf meinem System mit 19,5 MB.
Das Profil-/Userverzeichnis schlägt nach dieser ersten Surfsitzung mit rund 23 MB (Cache abgezogen) zu Buche. Mein Firefox-Profil ist inzwischen zahlreiche Monate alt und eine nahtlose Fortsetzung des alten Profils meines Firefox 2 samt einer ansehnlichen Reihe von Plugins. Insofern ist der Vergleich zu dessen rund 45 MB vielleicht nicht ganz astrein.
Zusammenfassend: Beide Browser nehmen sich nicht viel, was den frequentierten Festplattenplatz angeht.
(1) Google Chrome installiert sich in:
C:\Dokumente und Einstellungen\[username]\Lokale Einstellungen\Anwendungsdaten\Google\Chrome
Laufender Speicherverbrauch
Firefox 3 und Google Chrome standen nebeneinander auf dem Bildschirm. Ich rief die verschiedenen Webseiten jeweils auf dieselbe Weise auf. Die Prüfung der Speicherentwicklung unternahm ich schrittweise mit Hilfe des Windows-Prozessmonitors (im Taskmanager).
Ich öffnete thematisch zusammenhängende Seiten aus verschiedenen Quellen und solche Seiten, die demselben inhaltlichen Gebiet zugehörten, manuell oder per Klick auf Links in neuen Tabs. Seiten innerhalb derselben Domain surfte ich im selben Tab an. So hatte ich im Verlauf meines Kurztests von rund dreißig Minuten bis zu fünf Tabs geöffnet, wobei ich gelegentlich einzelne Tabs schloss und neue öffnete. Insgesamt entstand auf diese Weise eine Surfgeschichte von etwa drei bis sieben aufgerufenen Seiten pro Tab einschließlich der Betrachtung eines Videostreams.
Google Chrome beginnt beim Programmstart und einer Leerlaufzeit von rund einer Minute mit 33 MB Arbeitsspeicherbelegung. Firefox startet deutlich langsamer und breitet sich anfangs mit knapp 50 MB im Speicher aus.
In der Folge vergrößert sich die Speicherbelegung des Firefox kontinuierlich bis auf einen Wert von ca. 80 MB bei vier bis fünf geöffneten Tabs einschließlich einiger durchgeführter Seitenwechsel. Zu diesem Zeitpunkt hat Chrome den Rückstand aufgeholt und überholt sogar leicht mit ca. 90 MB belegtem Speicher.
Behält man dieses Surfverhalten bei – vier bis fünf Tabs und gelegentliche Seitenwechsel darin –, so flacht die Kurve der Speicherzunahme des Firefox langsam ab, er pendelt sich auf meinem System längerfristig bei knapp oberhalb 90 MB ein.
Aus meiner Erfahrung unter Linux, aber inzwischen auch unter Windows XP, kann ich hierzu ergänzend Folgendes sagen: Bei zunehmend längerer Surfzeit und häufiger Tab-Bewegung – häufiges Schließen und Öffnen von Tabs und gelegentlich bis zu zehn, zwölf gleichzeitig offener Tabs – genehmigt sich Firefox 3 maximal etwa 130 bis 140 MB Arbeitsspeicher, die er zuverlässig nicht überschreitet. Nach Reduktion offener Tabs auf zwei bis drei reagiert Firefox etwas zeitversetzt mit einem Rückgang der Speicherbelegung auf o.a. rund 90 MB.
Google Chrome reagiert offenkundig stärker und unmittelbarer auf die Anzahl der geöffneten Tabs, was auf den Umstand zurückzuführen sein dürfte, dass er jeden Tab in einem eigenständigen Prozess laufen lässt. In wie weit diese Prozesstrennung tatsächlich zur ausdrücklichen Unabhängigkeit der Tabs voneinander (Abstürze!) führt und keine zentrale Softwareinstanz involviert ist, kann ich nicht sagen.
Mein Fazit zum laufenden Speicherverbrauch lautet auch hier: Beide Browser nehmen und geben sich nicht wirklich viel. Sie verhalten sich lediglich etwas unterschiedlich. Speicherbelegungen von rund 80 MB bis 140 MB halte ich bei Systemen mit einem Gigabyte Arbeitsspeicher oder mehr für nicht weiter problematisch.
Performance-Eindrücke
Meine Ermittlungen betrafen besonders den Ressourcenverbrauch, so dass ich lediglich einen groben Eindruck der Arbeitsgeschwindigkeit über die vergleichende Surfsitzung schildern kann:
Beide Browser erscheinen mir praktisch unterschiedslos schnell im Aufbau von Webseiten. Es mag sein, dass Unterschiede zugunsten von Google Chrome messbar sind, aber diese scheinen mir so gering zu sein, dass sie im täglichen Gebrauch keine Rolle spielen sollten. Das Verhalten beim Seitenaufbau erscheint mir übrigens gleich, denn beide berechnen offenbar Seiten größtenteils im Hintergrund und bringen das Ergebnis dann quasi schlagartig auf den Bildschirm, was vor allem im Vergleich zum eher kontinuierlichen Rendering früherer Firefox-Versionen den Eindruck höherer Performance hervorruft. Die Seitenaufbau-Geschwindigkeit des Opera erreichen beide Kontrahenten ganz klar nicht.
Zur Performance bei hochgradig Javascript-gestützten Seiten und damit der eingebauten neuen Javascript-Engine kann ich an dieser Stelle nichts sagen.
Was bleibt?
Ein neuer Browser, der nach meinen geschilderten Ermittlungen absolut in keinem bedeutenden Umfang gegenüber Firefox 3 punkten kann. Die Optik der Software mag einerseits Geschmackssache sein, andererseits kritisiere ich nach wie vor Software, die Standardkomponenten des System-GUIs ignoriert. Google Chrome hat keine Menüleiste, die wenigen Menüpunkte verbergen sich in einem Button am rechten Rand der Symbolleiste. Der obere Fensterrand beherbergt bloß die Tab-Reiter und die Funktionalität der (nicht klar differenzierten) Windows-Titelleiste. Das Ganze scheint mir wie das nur halbwegs gelungene Ergebnis des Versuchs, Windows-Systemoptik mit MacOS-Visualität zu kombinieren.
Das Fehlen jeglicher Steuerung von Skript-Funktionalität auf Webseiten und das bestenfalls rudimentäre Cookie-Management sind für mich absolute Ausschlusskriterien für die Nutzung von Webbrowsern. Dies und die möglicherweise gegebene Datenschutzproblematik, die ich zur Zeit mangels eigener Beschäftigung damit nicht weiter kommentieren kann, bedeuten mir, dass ich diesen Browser nicht verwenden und auch – bei Nachfrage – anderen Nutzern eindeutig nicht zu einer Nutzung raten werde.
Dies ganz abseits des Umstands, ob und wann Google eine bisher fehlende Plugin-Schnittstelle nachrüsten sowie eine native Version für Linux ausliefern wird.
Abschließend nochmal der Hinweis:
Möglicherweise wird in nicht allzu ferner Zeit ein Artikel bei den Webkrauts zu Fragen rund um die Standard-Konformität und andere für Webworker wichtige Aspekte für des neuen Browsers erscheinen. Die Diskussion hierzu ist im Gange. Einige Krauts haben sich jedoch unabhängig davon inzwischen in ihren Blogs geäußert.

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Am 6. September 2008 um 03:10 Uhr
und er ist wohl hässlich
aber konkurrenz tut gut, bringt wieder schwung in die browserentwicklung.
ausserdem, so ganz ohne browserwar, googlebashing, microsoftbashing, applebashing, operabashing und mozillabashing wärs auch arg zu langweilig
Am 9. September 2008 um 05:02 Uhr
hm, als browser finde ich das teil eigentlich völlig überflüssig, da nicht innovativ.

die maßgebliche strategie von google scheint mir aber auch zu sein, damit den schritt ins online-betriebssystem zu gehen.
Am 9. September 2008 um 22:07 Uhr
… und dann diesen Browser als bevorzugtes Werkzeug zu positionieren und zu propagieren. Denn lediglich als weiteren alleinstehenden Browser ohne weiteren Nutzungszusammenhang wird man das Ding kaum zu nennenswerter Stückzahl bringen können.
Am 11. Oktober 2008 um 14:36 Uhr
Informiert euch doch mal, bevor ihr die Welt um eine weitere Meinung “bereichert”.
Hier könnt ihr anfangen: http://books.google.com/books?id=8UsqHohwwVYC&printsec=frontcover#PPA3,M1
Google Chrome ist hinter der Oberfläche schon ziemlich innovativ.
Am 11. Oktober 2008 um 21:33 Uhr
@Peter Schmidt:
Ich kann jetzt nicht von mir in der Mehrzahl reden (»Informiert euch …«), aber zumindest für mich selbst als Autor des Artikels antworten:
Habe ich. Und getestet. Deswegen der Artikel. Genau so, wie er da steht.
Ich habe auch zig andere Artikel dazu gelesen, von abfälligen Totalverrissen bis hin zu einfältigen Lobeshymnen. Letztere überwiegend so lange, bis sich das mit den viel diskutierten Datenschutzaspekten herumgesprochen hatte. Ach, was soll’s.
Der Link im Kommentar übrigens führt mich auf eine leere Google-Buchsuche-Seite.