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Science-Fiction: Robert Charles Wilson

19. März 2008 – 1:33 Uhr

Robert Charles Wilson ist ein kanadischer Science-Fiction-Autor der – tatsächlich nicht mehr ganz – jüngeren Generation, den ich jüngst entdeckte. Wilson hat bislang vierzehn Romane und eine ganze Reihe von Erzählungen veröffentlicht. Meines Wissens liegen aber lediglich sechs Romane in deutscher Übersetzung vor.

Ich habe bislang drei Romane gelesen und möchte euch an dieser Stelle meine Eindrücke wiedergeben, ohne allzu viel Inhalt zu verraten. In Reihenfolge der Originalveröffentlichung:

Die Chronolithen
(The Chronoliths, 2001)
München 2005, ISBN 978-3-453-52105-6
Quarantäne
(Blind Lake, 2003)
München 2007, ISBN 978-3-453-52316-6
Spin
(Spin, 2005)
München 2006, ISBN 978-3-453-52200-8

»Die Chronolithen«

Aus heiterem Himmel und vorerst ohne erkennbaren Anlass erscheinen an verschiedenen Orten der Welt urplötzlich riesige monolithische Strukturen, gigantischen Obelisken gleich. Und sie erscheinen nicht bloß, sondern sie materialisieren sich förmlich aus dem Nichts unter gewaltiger Zerstörung ihrer unmittelbaren Umgebung und widerstehen selbst jedem Zerstörungsversuch. Als man anfangs unverständliche Inschriften auf diesen Monolithen entziffert, wird klar, dass sie nicht von einer fernen Macht stammen, sondern irdischen und menschlichen Ursprung sind: Sie gelangen von wenigen Jahrzehnten aus der Zukunft in die Gegenwart. Wer (oder was?) ist dieser Kuin, der sich in den Inschriften als Urheber auszuweisen scheint? Sind die Monolithen Symbole seiner kommenden gewaltsamen Machtergreifung – über die gesamte Welt? Und kann man dies heute, in der Gegenwart verhindern?

Der Roman befasst sich mit den Ereignissen, die durch das gewalttätige Einbrechen dieser Zukunft in die Gegenwart mittelbar und unmittelbar ausgelöst werden; mit dem Versuch einer kleinen Gruppe von Protagonisten, das alles zu verstehen, und mit den quasireligiösen wie den widerständigen gesellschaftlichen Bewegungen, die sich im diffusen Dunstkreis dieser Manifestationen der Macht entfalten.

»Quarantäne«

Eine hochmoderne Forschungsstation in Minnesota wird aus Gründen des Schutzes der Außenwelt unter Quarantäne gestellt und abgeriegelt. Kern der Station ist eine Art »Quanten-Teleskop«, mit dessen Hilfe man Ereignisse auf mehreren Lichtjahren entfernten Planeten im Wortsinn beobachten kann. Der geheimnisvolle Mechanismus dieses Teleskops hat inzwischen durch selbstgesteuerte Weiterentwicklung einen Grad an Komplexität erreicht, dass er selbst von seinen Betreibern in dieser Station nicht mehr verstanden, sondern bloß noch gewartet wird. Zum Zeitpunkt der Quarantäne beobachten Wissenschaftler gerade eine Population von Wesen, die ihnen im Wesentlichen in allen Belangen fremd bleiben. Neben diversen gesellschaftlichen Problemsituation innerhalb dieses Stations-Mikrokosmos’ eröffnet Wilson zusätzlich verschiedene private Problemfelder einiger Protagonisten, so dass er wie im vorgenannten Roman wissenschaftliches und menschliches Verstehen sowie Handlungsmotivation im Rahmen komplexer und nur bruchstückhaft überschaubarer Umgebungsbedingungen thematisiert.

Welche Rolle spielen vorangegangene und weitgehend geheim gehaltene Ereignisse in einer anderen, ähnlichen Forschungsstation einige Zeit zuvor? Bemerken die Außerirdischen Wesen ihre Beobachtung? Was genau macht dieses Teleskop eigentlich – mit uns?

»Spin«

Der junge Tyler Dupree blickt eines Abends zu den Sternen und sieht, wie sie verschwinden – so, als würde eine Kuppel über der Erde geschlossen. Im Lauf des Romans erleben wir in Begleitung Tyler Duprees und einer Reihe weiterer Protagonisten über viele Jahre, wie sich die Welt angesichts dieses rätselhaften Ereignisses verändert. Nicht zuletzt entwickeln sich Forschungszweige, die sich einzig der Erforschung des Phänomens widmen. Im Lauf dieser Forschung lüftet man das Geheimnis langsam, und man kommt zu dem Schluss, dass es sich bei diesem Schirm um eine Art Isolationsschirm handelt, der unserer Welt von den atemberaubenden Ereignissen außerhalb ihrer selbst abschirmt (mehr verrate ich hierzu nicht!). Offenbar ist eine in ihren technischen Fähigkeiten kaum ermessbare außerirdische Lebensform damit beschäftigt, schier unfassbare kosmische Manipulationen vorzunehmen, deren Sinn und Zweck sich (vorläufig) jeglichem Erklärungsversuch vollkommen verschließen.

Wie in beiden vorgenannten Romanen wirft Wilson seine Protagonisten auch in »Spin« ins kalte Wasser einer schier unglaublichen wie unerklärlichen Situation und lässt uns teilhaben an ihren Versuchen, zu verstehen und irgendwie sinn- und planvoll zu handeln. Und er entfaltet diesen erzählerischen Kosmos ebenfalls mehrschichtig auf der persönlichen, gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Ebene. Anders als in beiden anderen Romanen eröffnet das Ende von »Spin« eine neue Perspektive, was wohl dem (erfreulichen) Umstand geschuldet ist, dass es sich um den Start einer Romantrilogie handelt. Deren zweiter Teil, »Axis«, erscheint in Deutsch im Mai.

Reiz und Schwierigkeit

Ein besonderer Reiz der drei Romane liegt m.E. darin, dass wir als Leser vielschichtige Charaktere über einen guten Teil ihres Lebens hinweg erleben – in ihrer persönlichen Erfahrungswelt, ihrem unmittelbaren Wirkungsumfeld und als Teil einer Gesellschaft, die versucht, Ereignisse zu verstehen und Handlungsstrategien zu entwickeln angesichts von Situationen, die sich dem Verstehen nicht vollständig erschließen. Als Leser befinden wir uns jederzeit auf derselben Ebene des Verstehens wie die Protagonisten.

Hier liegt eine Schwierigkeit der Erzählweise Wilsons begründet, die seine Romane nicht unbedingt zur leichten Lektüre für den Gelegenheitsleser prädestinieren: Die Erzählweise wirkt mitunter langatmig und abschweifend, man fühlt sich gelegentlich wie in einem diffusen Nebel aus unverstandenen Ereignissen und glaubt, irgendwelche erklärenden Ausführungen überlesen zu haben. Schließlich scheint es bei allen drei Romanen – und zahlreiche Rezensionen, die ich gelesen habe, kommen genau zu diesem Schluss – kein wirklich zufriedenstellendes Ende, keine echte Auflösung zu geben.

Doch ich bin nach der Lektüre überzeugt, dass dieser Eindruck täuscht. Tatsächlich bleibt vieles diffus, und gerade die wissenschaftlichen Grundlagen, auf denen Wilson die Ereignisse bzw. die technischen Errungenschaften seiner Romane basieren lässt, sind weder von seinen Protagonisten noch von uns Lesern wirklich völlig klar zu verstehen. Aber das ist auch gar nicht der Punkt, denn darum geht es im Grunde bei den Geschichten gar nicht. Wilsons Romane sind vielmehr gesellschaftliche Fiktion, die auf Science-Fiction basiert, als »harte« Science-Fiction.

Die drei Romane sind gesellschaftliche Mikro- und Makroportraits vor einem jeweils atemberaubenden technisch-wissenschaftlichen Hintergrund, sie können deswegen weitgehend auf »Action« verzichten und bieten stattdessen jede Menge Raum und (Lese-) Zeit zum Nachdenken und Philosophieren.

PS: Nach einer gewissen Überdosis Science-Fiction in den letzten drei bis vier Monaten folgt jetzt wieder einmal ein handfester, atmosphärisch dichter Thriller als Bettlektüre …

Nachtrag

Während ich die letzten Zeilen dieses Artikels schreibe, erreicht mich die Meldung, dass heute, am 19. März 2008, der berühmte und überaus einflussreiche Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke im Alter von neunzig Jahren in Sri Lanka verstorben ist.

Clarke war Autor einer umfangreichen Reihe von bemerkenswerten Romanen und Erählungen. 1948 (veröffentlicht 1951 für einen BBC-Wettbewerb) schreibt er die Kurzgeschichte »The Sentinel« (Der kosmische Wächter). Diese dient Mitte der Sechzigerjahre als Grundlage für die kollaborative Arbeit mit Stanley Kubrick am Drehbuch zu 2001: Odyssee im Weltraum und dem von Clarke in diesem Zuge geschriebenen Roman gleichen Titels.

»2001: Odyssee im Weltraum« gilt als einer der paradigmatischen Romane (und Filme) der Science-Fiction und als herausragendes Meisterwerk des Autors, in dem die Hoffnung auf gesellschaftlichen und technisch-wissenschaftlichen Fortschritt gleichermaßen wie Mythologie und Fantasie, aber auch menschliche Hybris und Ohnmacht beispielhaft thematisiert sind.

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1 Kommentar zu ›Science-Fiction: Robert Charles Wilson‹

  1. Ly

    hab Spin endlich vorgestern bestellt und gestern abgeholt. unsere größte buchhandlung ist mit SF echt nicht gut sortiert musste ich feststellen, ein paar Standard-Autoren und das wars. Aber nu hab ichs in der Hand, und fange heute an zu lesen, der erste SF-Roman seit Jahren wieder, bin gespannt.

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