Neverwhere
23. November 2007 – 10:31 Uhr
Hatte ich schon erwähnt, dass ich eigentlich kein großer Freund der literarischen Fantasy bin? Science-Fiction, Horror immer, auch Mystery durchaus gerne, aber Fantasy? Nun, seitdem Andreas Eschbachs Haarteppichknüpfer meinen Leseweg kreuzte, bin ich nicht abgeneigt, bei der Suche nach interessantem Lesestoff auch immer wieder einmal einen Blick ins bislang ungeliebte Genreregal zu werfen. Und wenn mir dort schließlich Bücher begegnen wie …
- Neverwhere
- Neil Gaiman, 1996/97 (HarperCollins)
- ISBN 0-380-78901-9
… nun, dann werde ich am Ende wohl noch zum Fantasy-Fan?
Neil Gaimans Roman basiert auf einer von ihm geschrieben BBC-Mini-Fernsehserie von 1996.

Ein junger, etwas unschlüssiger englischer Geschäftsmann, Richard Mayhew, der sich erst seit kurzem im fremden London angesiedelt hat, begegnet in einer wundersamen Szene einem verletzten Mädchen. Viel Zeit zum Wundern bleibt ihm nicht, denn er fühlt sich unmittelbar verpflichtet, diesem Mädchen zu helfen, und dies unbeirrt angesichts der drohenden empfindlichen Störung seiner Beziehung zu seiner frisch Verlobten.
Nicht lange und es begegnen ihm weitere obskure Gestalten, die offenbar auf der Suche nach dem verletzten Mädchen mit den seltsam leuchtenden Augen sind. Unversehens schlittert er in eine Reihe irritierender Begebenheiten, die ihm schließlich ernsthaften Anlass geben zu glauben, dass er nicht mehr Teil der gewohnten Realität ist.
London Below
Richard ist durch diese magische Begegnung und seine helfende Teilnahme offensichtlich Teil einer anderen Realität geworden – tief unterhalb Londons in einer kaum ausmessbaren dunklen Unterwelt existiert eine Schattengesellschaft aus einer Unzahl von sonderbaren, rätselhaften, furchterregenden oder magischen Gestalten. Und die einzigen Berührungspunkte mit der Oberwelt des uns bekannten London – London Above – sind U-Bahnstationen und -schächte und das unterirdische Abwassersystem. Jedoch scheinen sich beide Londons auf unterschiedlichen Realitätsebenen zu befinden, denn ein echter Übergang von der einen in die andere Welt ist nicht unmittelbar möglich.
Lady Door
Nach einer Reihe skurriler Begegnungen findet er schließlich das Mädchen, deren Name Door ist, Lady Door, und deren einzigartige Fähigkeit darin besteht, Türen zu öffnen – verschlossene und solche, die vorher nicht einmal existierten. Sie ist sich ihrer Schuld bewusst, ihn unabsichtlich in diese ihm völlig fremde und unbegreifliche Realität hinübergezogen zu haben, und so wird er Teil ihrer Flucht und Teilnehmer ihrer Mission.
Für Richard nimmt ein Abenteuer seinen Lauf, dass ihn an die Grenzen seines Vorstellungsvermögens bringt: an unfassbare Orte in dieser Unterwelt, auf ›fließende‹ Märkte, die an bekannten Schauplätzen der Londoner Oberwelt stattfinden, ohne dass diese davon auch nur eine leise Ahnung hat; in höchste Lebensgefahr bei der mehrfachen Begegnung mit einem durchtriebenen und mächtigen Mörderpaar, verführerischen Frauen, die ihm beinahe die Lebenswärme aussaugen und nicht zuletzt zur Begegnung mit einem wahrhaftigen Engel, der sich bald als gefallener Engel erweist.
Der Schlüssel und die Tür zurück
Der gemeinsame Weg der beiden verbindet schließlich ihr Schicksal, der magische Schlüssel zur Erfüllung ihrer Mission wird zum wahrhaftigen Schlüssel, der Richard den Weg zurück in seine Welt ermöglicht – und Door öffnet ihm diese Tür.
London Above
Zurück im London der Oberwelt, seiner Welt, fragt er sich bald, ob dies wirklich noch seine Welt ist …
Der Roman entspringt offensichtlich einer blühenden und fruchtbaren Fantasie eines Autors, der große Lust am Erzählen und am Erfinden wundersam skurriler Gestalten und Begebenheiten hat. Dabei bleibt er jederzeit vage genug und sparsam mit ausufernden Beschreibungen dieser Unterwelt und ihrer Bewohner, was den unschätzbaren Vorteil hat, dass dem Leser genügend Raum bleibt, seiner eigenen Fantasie freien Lauf zu lassen.
›Neverwhere‹ ist ein höchst erwachsenes und liebevoll erzähltes Märchen für Erwachsene.
Ich kann nichts über die Qualität der deutschen Übersetzung sagen, und so bleibt mir lediglich der Verweis darauf:
- Niemalsland
- Neil Gaiman, 1998 (Heine TB)
- ISBN 978-3-453-13757-8
Neil Gaiman Website
Neil Gaiman in Wikipedia
Neil Gaiman bei Phantastik-Couch.de

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Am 23. November 2007 um 12:52 Uhr
ähem, wollen wir mal darüber diskutieren, inwieweit das genre “fantasy” nicht eigentlich auch “mystery” und “horror” abdeckt?
ich finde die übergänge ziemlich fliessend, gerade wenn man mal in den bereich “dark fantasy” schaut, so sieht man oft keine wirkliche trennlinie. bei horrorromanen, die im mittelalter spielen, würde ich das ähnlich sehen.
die wikipedia schreibt:
passt AFAIK genauso zu mystery und horror
der roman klingt jedenfalls interessiert, werde ich mal auf meine liste setzen.
Am 23. November 2007 um 13:28 Uhr
Ich weiß, das ist eine schier endlose Genre-Diskussion, die ich schon seit den Siebziger Jahren kenne. Alleine die Science-Fiction lässt sich ja in diverse Subgenres unterteilen, wozu auch immer. Aber bevor ich mich hier im enger begrenzten Raum des Kommentars auslasse, denke ich mir gerade, ob ich nicht einmal in einem eigenen Artikel eine Taxonomie der Subgenres des Phantastischen versuche, wie ich sie sehe und kennengelernt habe.
Dazu müsste ich noch ein paar Sachen nachlesen und mal schauen, wie ich das per Artikel und HTML einigermaßen übersichtlich hinbekomme … vielleicht heute noch.
Am 23. November 2007 um 16:59 Uhr
hui, danke für den Lesetipp. Werd ich mir besorgen. Auf deutsch, mein englisch ist keinesfalls ausreichend in ein Buch einzutauchen.
Am 27. November 2007 um 23:15 Uhr
Gaiman ist klasse. Während aber die meisten Bücher, z.B. (Empfehlung!) “American Gods”, leidlich brauchbar übersetzt sind, ist das deutsche “Niemalsland” leider eine der furchtbarsten Übersetzungen eines englischensprachigen Buches, die ich je gelesen habe. Die schafft es tatsächlich, sinnentstellend zu übersetzen. Ich mein’, OK, die Sache mit den Namen und deren Wort- und Kontextwitz ist schwierig (ich fürchte, der Übersetzer war nie in London und wusste deshalb nicht, warum Orte und Personen so genannt wurden wie sie hießen, geschweige denn, dass er mit der Geschichte hinter all diesen Namen vertraut gewesen wäre), aber dass ganze Passagen tatsächlich schlicht falsch – und damit für die Story unverständlich – frei zusammenphantasiert zu sein scheinen lässt die deutsche Version nur ein zehntel dessen sein, was die Vorlage hergegeben hätte