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dyingeyes weblog: das persönliche Weblog von Boris Stumpf aus Frankfurt am Main

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Rückzugsgefechte

11. September 2007 – 15:08 Uhr

Die Vorgehensweise ist inzwischen leider sattsam bekannt.

Buchautorin Eva Herrman sagte (ich zitiere laut Netzeitung):

Es war eine grausame Zeit, das war ein völlig durchgeknallter, hochgefährlicher Politiker, der das deutsche Volk ins Verderben geführt hat. (…) Was gut war, das sind die Werte, Kinder, Mütter, Familie, Zusammenhalt.

Geschichtsbild?

Daran ist m.E. in der Sache schlicht falsch, dass ein »völlig durchgeknallter, hochgefährlicher Politiker« das deutsche Volk ins Verderben geführt hat. Erstens ist es zu diskutieren, ob Hitler »völlig durchgeknallt« war, und zweitens ist das deutsche Volk weitgehend willig und gehorsam einer ganzen Bande von kriminellen Rassisten nachgelaufen, die es Jahre zuvor schon mehrheitlich ins Parlament respektive in an die Regierung gewählt hat. Dies ist grob vereinfacht dargestellt. Siehe meinen Kommentar.

Es ist im Übrigen eine bekannte und geradezu typische Aussagekonstruktion, die gewöhnlich den Versuchen einer revisionistischen Geschichtsschreibung entspringt, das deutsche Volk passivisch als »ins Verderben Geführtes« zu bezeichnen.

Werte?

Die so bezeichneten »Werte Kinder, Mütter, Familie und Zusammenhalt«, die Frau Herrman in dieser Zeit als gut erachtet, sind – in dieser Zeit – nicht weiter als integrale und gezielt inszenierte Aspekte der nationalsozialistischen Ideologie vom deutschen Herrenvolk gewesen.

Diese »Werte« gab es natürlich schon vor dem Dritten Reich in weniger ideologisch zugespitzter Form – die Nationalsozialisten sind aber eben nicht vom Himmel gefallen, sondern nicht zuletzt aus einer reaktionären deutschen Tradition hervorgegangen.

Die Kunst des (Miss-) Verstehens

Wie dem auch sei, jedenfalls bestehen die Äußerungen Frau Herrmans aus recht einfach und klar strukturierten Aussagesätzen. Darin finden sich weder Ambiguitäten noch andere in besonderem Maße zu interpretierende Bedeutungsbestandteile. Die oben zitierten Äußerungen bedeuten daher in etwa Folgendes:

Es war eine grausame Zeit, das war ein völlig durchgeknallter, hochgefährlicher Politiker, der das deutsche Volk ins Verderben geführt hat. (…) Was gut war, das sind die Werte, Kinder, Mütter, Familie, Zusammenhalt.

Es ist also in meinen Augen durchaus erstaunlich, wenn Frau Herrman nun in Reaktion auf die große öffentliche Empörung im Grunde eigentlich in der Sache gar nichts zurücknimmt. Statt dessen greift sie zu einem in der prominenten Öffentlichkeit üblichen Mittel, die Schuld indirekt auf die Rezipienten abzuwälzen, die ihre Äußerungen missverstanden hätten:

Es tut mir Leid, wenn meine Äußerungen Anlass zu Missverständnissen gegeben haben

Es hat in dieser Angelegenheit jedoch keinerlei Missverständnisse geben. Es stehen klare Aussagen zu Buche, die bestenfalls marginalen Interpretationsspielraum bieten. Es stellt sich mir also die Frage, warum jemand sich ausdrücklich auf eine nationalsozialistische Tradition oder Errungenschaft beruft, wenn er gleichzeitig behauptet, sich davon weit distanzieren zu können.

Vom Rückbezug auf Traditionen

Wenn ich mich ernsthaft und ehrlich auf traditionelle Werte »Kinder, Mütter, Familie und Zusammenhalt« rückbeziehen und NICHT – wie versehentlich auch immer – wesentliche Aspekte der nationalsozialistischen Herrenmenschen-Ideologie gutheißen will, dass kann ich das leicht tun. Ich finde einen traditionsreichen konservativen Wertefundus, der noch dazu ideologisch weitgehend unverfänglich ist, im Kaiserreich und in vielen Jahrzehnten zuvor. Meinetwegen bis zurück ins Biedermeier.

Weiteres zum Thema in der Netzeitung (2, 3) und beim ZDF.

Nachtrag

Diese ganze Geschichte lässt sich just in ihrer ideologischen Stoßrichtung hervorragend einordnen, führt man sich einmal den jüngsten Telepolis-Artikel über den christlich-fundamentalistischen Alpdruck einiger prominenter Unions-Protagonisten zu Gemüte.

Ich empfehle eine zumindest überfliegende Lektüre des dort verlinkten Strategiepapiers »Moderner bürgerlicher Konservatismus«. Daran ist tatsächlich nichts modern, weniges bürgerlich und vieles (gutwillig, wirklich …) konservativ – in meinen Augen handelt es sich dabei im Wesentlichen um einen alle aktuellen Unions-Befindlichkeiten umfassenden restaurativen Phrasen-Rundumschlag tiefdunkelster Sorte.

Was wiederum sehr erhellend ist …

Via Sven Scholz

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Dieser Inhalt (Textbeitrag und Fotos) ist unter einer Creative-Commons-Lizenz BY-NC-ND lizenziert.

2 Ping-/Trackback(s)

  1. sven scholz - sagichdoch? » mal wieder missverstanden (13.9.2007)
  2. dyingeyes weblog » Kleinere Arbeiten am Blogdesign (17.9.2007)

3 Kommentare zu ›Rückzugsgefechte‹

  1. Lyrasia

    wäre mein Leben anders verlaufen und hätte ich eine Familie gegründet, hätte ich sicher, bei finanzieller Möglichkeit kein Problem gehabt zuhause zu bleiben, und trotzdem hätte ich den Geist der 68 oder Gleichberechtigung oder wie auch immer man das ausdrücken will, innegehabt. Es ist einfach eine Frage der Aufgabenteilung, damit alles klappt, und nicht einer Ideologie. Hätte ich mehr verdient dann eben der Mann zuhause.

    Wie auch immer: mir scheint die diverse Argumentation der Frau Herrman dümmlich, es spiegelt nicht wirklich ein umfassendes Menschenverständnis wieder, und ich finde, sie ist ein Affront für all die Frauen, die sich tagtäglich bemühen, die diversen Aufgaben, die inzwischen an sie gestellt sind, zu bewältigen.

    Das äussere Bild einer Familie sagt nichts darüber aus, ob diese Familie ein Nest für Kinder ist, und für alle beteiligten. Nestwärme hat damit überhaupt nichts mit einer traditionellen Rollenverteilung zu tun, also wer wie zuhause ist, arbeitet, oder nicht. Vieleicht eher Herzensbildung.

  2. Jari

    Wurden die Rassisten in die Regierung gewählt? :unsure:
    Ich hab im Geschichteunterricht gelernt, dass die Regierung unter Angstmache vor den Kommunisten (Reichstagsbrand etc.) ergriffen wurde, und die Rassisten zuvor nur ins Parlament gewählt wurden, aber vielleicht hab ich da was falsch in Erinnerung.
    Wie auch immer, von einem passiven “ins Verderben geführt” kann keine Rede sein. :dont: Es ist spezifisch für den Umgang mit der eigenen Vergangenheit in Deutschland dass das Führerprinzip prima ins Schuld-denken passt. Schuld ist ja immer der der mir den Befehl gab und nicht ich selber bin für das was ich mache verantwortlich… so “fließt” alle “Schuld” nach oben und am Ende soll Hitler alleine “Schuld sein” und alleine die Verantwortung tragen für alles was passiert ist. Es ist eigentlich höchste Zeit Verantwortung zu übernehmen, aber daran wird nicht gedacht. Ursache scheint mir in der mangelhaften Auseinandersetzung der Nachkriegsdeutschen mit dem Nationalsozialismus zu liegen. Und wenn man sich die gegenwärtige CDU ansieht ist schlimmes zu ahnen. :nono:

    Gruß, Jari

  3. Boris (Autor)

    @Jari:
    Die NSDAP wurde in den Reichstagswahlen Juli und November 1932 jeweils stärkste Partei im Reichstag. Reichskanzler wird Hitler jedoch (noch) nicht. Erst im Zuge der weiteren politischen Wirren dieser Zeit – um es mal so ganz unkonkret auszudrücken – wird Hitler quasi auf Verabredung der führenden politischen Köpfe hin (der Beginn der »Machtergreifung« im engeren Sinne) zum Reichskanzler und »Regierungschef« bei den anschließenden Reichtstags-Neuwahlen.

    Dann folgen recht schnell –ich verkürze stark– die Bereinigung demokratischer Grundlagen durch u.a. den Notstandsartikel 48, den proklamierten Ausnahmezustand und schließlich das »Ermächtigungsgesetz« von 23. März 1933.

    All das übrigens ziemlich breit durch die übrigen ehemaligen Regierungsparteien und deren obere Protagonisten unterstützt.

    Bei alledem darf man die seit Jahren fortwährende massive Propaganda und Hetze der Nazis einschließlich gewalttätig marodierender SA-Schergen auf den Straßen der Republik nicht vernachlässigen. Ebenso wenig die nicht mehr vorhandene »Lust« der Bevölkerung auf die Weimarer Demokratie.

    Insofern habe ich das in meinem Artikel natürlich erheblich überspitzt und grob vereinfacht ausgedrückt.

    Wie dem auch sei, jedenfalls sind die Nationalsozialisten nicht wie ein Unwetter »über die Deutschen gekommen«, wie es immer wieder einmal gerne von manchen konservativen Kreisen geschichtsbegreinigend und von lästiger Verantwortung freisprechend kolportiert wird.

    @Lyrasia:
    Dem kann ich nur zustimmen und nichts mehr hinzufügen …

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