Web Life – interessante Gedanken
18. Juni 2007 – 22:54 Uhr
Konstantin Klein nimmt die Gelegenheit der Diskussion um Bilderzensur bei diesem neuerdings in deutscher Ausgabe erhältlichen Bilder-Publikationsdienst zum Anlass, sich Gedanken um ein zukünftiges Web Life zu machen, das wirklich von den darin aktiven Menschen »angetrieben« wird und echte Interaktivität, Kommunikation und Gemeinschaft entwickelt. Also nicht Web 2.0.
Ich greife mal einige Punkte auf und liefere – eher aus dem Stegreif – meine Gedanken dazu – und nutze somit die Gelegenheit zur Vernetzung, die Blogs bis dato bieten.
Zu Weblogs:
Sie sind auf einer publizistischen Einbahnstraße unterwegs, nur wenig mehr interaktiv als die Leserbriefseite des SPIEGEL. Das einzige Novum: Seit ein paar Jahren muss der Mensch keine Aktiengesellschaft mehr sein, um (zumindest theoretisch) ein Millionenpublikum zu erreichen.
Würde ich nicht ganz so eng sehen: Natürlich bieten Weblogs erheblich mehr Interaktivität als Leserbriefe in »alten Medien«. Sie bieten über die Kommentarfunktionen immerhin rudimentäre Formen der Gemeinschaftsbildung, indem sie neben der rein softwareseitigen, technischen Vernetzung meist kleinere virtuelle Gemeinschaften von Lesern und Autoren erzeugen. Ich schreibe etwas, jemand liest es und kommentiert. Ich besuche das Blog des Kommentierers, kommentiere womöglich dort einen Artikel. Andere verfolgen diese Kommunikation und nehmen bei Gelegenheit selbst mit einem Artikel daran Teil, Bezug nehmend. Nach meiner Erfahrung entstehen dabei im Laufe der Zeit durchaus einige beständige Vernetzungs-Fäden in einem losen Netzwerk von flüchtigen Beziehungen.
Und es bilden sich überlappende Beziehungen, Leserkreise überschneiden sich, so dass sich dieses lose Netzwerk sukzessive erweitert. Wobei sich natürlich auch weitere beständige Verdrahtungen herausbilden. Dabei erreicht man als Blogger – das gilt sicher für die Mehrheit – kein Millionenpublikum, aber das ist auch nicht notwendig.
Das Web ist die Umsetzung der Idee des vernetzten Arbeitens – die meisten Weblogs sind es nicht.
Vernetztes Arbeiten sehe ich eher in Projekten wie Wikipedia, oder allgemein in Wikis ermöglicht. Weblogs realisieren m.E. eher die Möglichkeit des persönlichen Publizierens. D.h. Weblogs können als persönlicher Ausgangspunkt für Interaktion, Vernetzung und Gemeinschaftsbildung dienen, nicht jedoch als tragfähige Plattform dafür.
Das Web, wie von Sir Tim Berners-Lee erträumt, ist eine Sammlung relevanter Informationen. Das real existierende Web, und mit ihm die übergroße Mehrheit der Weblogs…
Ich glaube, das Tim Berners-Lee mit dem WorldWideWeb tatsächlich gar keine ganz so so große Vision hatte, wie heute oft interpretiert wird. Sein Ausgangspunkt war eine Austauschplattform für wissenschaftliche Publikationen unter Einbindung (schon seit geraumer Zeit vorhandener und völlig geläufiger) verschiedener Online-Kommunikationsmöglichkeiten. Das ist eigentlich schon groß genug…
Groß daran – seine Leistung soll hier nicht geschmälert werden – ist natürlich die Aussicht, dass Menschen unmittelbar Wissen und Erfahrung austauschen können, ohne auf langsam und selektiv arbeitende Institutionen und Verlage angewiesen zu sein.
In dem Moment aber, in dem nicht mehr nur rein wissenschaftliche Interaktion stattfindet (und selbst dort nicht), verliert objektive Relevanz ihre Bedeutung. Dabei ist nicht einmal objektive, sondern intersubjektive Relevanz innerhalb einer spezifischen Forschergemeinschaft.
Relevanz aber, in einem größeren Zusammenhang ohne fachspezifischen Rahmen, ist letzten Endes eine rein persönliche Angelegenheit: Ich als Teilnehmer entscheide, welche Information, welche Nachricht, welche Geschichte in welcher Weise relevant ist. Das ist gerade der Witz an vernetzten Plattformen, die frei von der Top-Down-Informationsverteilung der klassischen Medien sein sollen.
In einem weiteren Schritt der Gemeinschaftbildung entsteht Relevanz schließlich intersubjektiv, in dem ich als aktiver und interessierter Teil dieser Gemeinschaft agiere.
Web Life
Kollaboration: Wenn Weblogs ihrer Herkunft gemäß nicht die adäquaten Software-Plattformen sind, dann braucht Web Life geeignete Plattformen. Ich verweise an dieser Stelle auf einen Ansatz des Schockwellenreiters, der gleich den Hinweis auf die zu lösende Problematik mitliefert: wie etabliert man als Gemeinschaft eine solche Plattform?
Kooperation: Inhalte werden geteilt – der Gemeinschaft zur Verfügung gestellt, zum Nutzen aller. Der Gedanke berührt sicher kaum die Frage des Urheberrechts (das sowieso dem Schöpfer eignet und unveräußerlich ist), aber er berührt ganz erheblich den Gedanken der Nutzung und der Publikation von Inhalten. Ist die Kombination einer kollaborativen Plattform zusammen mit einem Konzept wie Creative Commons nicht ein interessanter Ansatz?
Relevanz: S.o. Sie definiert sich, zusätzlich zur inhaltlichen Rahmen-Bestimmung durch das thematische Umfeld, im Rahmen der Interessen und Ansprüche der jeweiligen Gemeinschaft. Relevant ist nicht zuletzt, was die Gemeinschaft qualitativ bereichert.
Vernetzung: Stellen Wikis nicht einen ersten brauchbaren Ansatz dar, echte interaktive – kollaborative – und dynamische Dokumente zu entwickeln? Ich stelle mir gerade etwas wolkig eine jederzeit bewegliche Vernetzung aus Blogs, Gemeinschaftsblogs, Medienplattformen und Wikis vor, eventuell mittels Tagging zusätzlich auf einer Schlagwortebene vernetzt. Könnte man sich so etwas als zukünftige kollaborative, gemeinschaftlich betriebene Plattform vorstellen?
Globalität: All das ist selbstverständlich ohne jegliche national- oder kulturpolitischen Schranken zu denken. In dem Moment, wo Menschen wirklich aus ureigenen positiven Motiven heraus kommunizieren, interagieren und kooperieren, sollten nationale Befindlichkeiten und die darauf basierenden gepflegten Ressentiments keine Rolle mehr spielen.
Zum Schluss, aber nicht zum Ende
Wie Konstantin richtig sagt, hat das alles mit Web 2.0 nichts zu tun. Web 2.0 ist im Grunde nichts weiter als eine zur Zeit noch wachsende Sammlung von kurz- bis mittelfristigen Geschäftsmodellen. Demgemäß stehen inhaltliche Aspekte, und damit nicht zuletzt auch Fragen echter Gemeinschafstbildung immer in der zweiten Reihe hinter den rein geschäftsmaßigen Ansprüchen.
In diesem Sinne ist selbst das Web 2.0 im Grunde weit hinter die Vision eines Tim Berners-Lee zurück gefallen.

Dieser Inhalt (Textbeitrag und Fotos) ist unter einer Creative-Commons-Lizenz BY-NC-ND lizenziert.


Am 18. Juni 2007 um 23:25 Uhr
Vielen Dank für die weiterführenden Gedanken, Boris. Wie Du in Anspielung auf Jörg Kantel zu Recht sagst, stehen die Mittel für das Web Life im Grunde schon heute großenteils zur Verfügung. Was fehlt, ist eine Verknüpfung bestehender Mittel und Technologien (siehe Jörgs Idee eines community-basierten Bilderdienstes) – und die Bereitschaft der Netzbürger, sich auf die Postulate einzulassen.
Insofern ist die Wikipedia, die ich vor zwei, drei Jahren noch heftig kritisiert habe (kein Permalink, da zu faul, alte Datenbanken auszulesen und neu zu importieren – shame on me), vielleicht gar kein schlechtes Beispiel für einen Web Life-Ansatz.