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Politischer Phrasenbaukasten

8. Mai 2007 – 20:35 Uhr

Ich stelle mir vor, dass es einen Phrasenbaukasten für Politiker gibt. Darin sind u.a. Phrasen für verbale Rückzugsgefechte enthalten:

Rückzugsphrase #1:
»Es tut mir leid, wenn meine Äußerungen in der Öffentlichkeit missverständlich aufgefasst wurden«

Rückzugsphrase #2:
»Ich entschuldige mich und nehme meine Formulierung zurück«

Klingt beides gut und beruhigt erfahrungsgemäß die Öffentlichkeit, wobei es für den jeweils genauen Wortlaut eine durchaus größere Bandbreite an Ausdrucksmöglichkeiten gibt. Aber die Crux solcher Phrasen offenbart sich erst bei genauerer Betrachtung und entgeht einem leicht angesichts der oberflächlichen Kurzatmigkeit medialer Aufmerksamkeit:

#1 schiebt die Verantwortung für den geäußerten Inhalt letzlich dem Rezipienten zu. Man kann weiterhin jede Schändlichkeit behaupten und beruft sich am Ende einfach auf Fehlinterpretationen. In der Sache bleibt man dagegen stoisch bei seiner Auffassung.

#2 nimmt lediglich die Formulierung zurück – nichts anderes wird ja behauptet. Inhaltlich bleibt man wiederum schadlos und stoisch bei seiner Auffassung. Schade dabei ist, dass von Medienseite nie nachgefragt wird, wie die betreffende Person denn ihre Ansicht neu zu formulieren gedenkt.

Beides konnten wir gerade wieder im Fall des angeblich ausgewiesenen NS-Gegners Filbinger respektive der versuchten »Korrektur« dessen historisch-politischer Einordnung durch den Baden-Württembergischen Ministerpräsidenten Oettinger erleben.

Und jetzt könnten wir einfach mal abwarten, ob CSU-Generalsekretär Söder wegen seines dreisten Affronts gegen den Bundespräsidenten so unter Druck geraten sein wird, dass er womöglich ebenfalls in den kleinen Phrasenbaukasten greift…

PS: Die bekannteste Phrase in unserem Baukasten ist übrigens wahrscheinlich diese:
»Ich übernehme [dafür] die volle politische Verantwortung«, oft angereichert mit einer näheren inhaltlichen Bestimmung.

Dieses Sätzlein klingt nach schwer geschulterter politischer Last, möchte einen nachhaltig guten Eindruck erheischen und wird immer dann gebraucht, wenn man selbst oder das ausgeübte Amt unter Druck geraten ist und man trotz allem sicher ist, dass diese »Übernahme« wohlfeil ist und völlig folgenlos bleiben wird.

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Dieser Inhalt (Textbeitrag und Fotos) ist unter einer Creative-Commons-Lizenz BY-NC-ND lizenziert.

5 Kommentare zu ›Politischer Phrasenbaukasten‹

  1. Matthias Kiesselbach

    Wieso eigentlich “dreister Affront”?
    Selbst als jemand, der weder Söder, noch Köhler, noch Köhlers Entscheidung zu Klar, und ganz besonders nicht Köhlers Informationspolitik, besonders mag, fällt es mir schwer zu verstehen, was so schlimm daran ist, einem Bundespräsidenten mit Nicht-Wiederwahl zu drohen.

  2. Boris (Autor)

    Weil es schlicht dreist und unverschämt ist, dem höchsten Amtsträger des Landes, der in seiner Entscheidung verfassungsgemäß völlig souverän und politisch unabhängig ist, mit überhaupt irgendetwas zu drohen.

    Oder auch m.a.W.: Es geht den Herrn Söder (und nicht nur ihn) genau genommen schlicht nichts an, wie es der BP mit Gnadengesuchen hält und wie er seine Entscheidung findet und fällt.

    Dieses Verhalten ist m.E. einfach Ausdruck ungenügender Erziehung und mangelnden politischen Formats. Und es ist für mich noch dazu ein Missbrauch des eigenen politischen Mandats.

    Man kann gerne, das dürfte allerdings jedem freistehen, nach einer Entscheidung des BP Stellung beziehen und diese Entscheidung für gut oder nicht gut halten.
    Aber man hat sie vorbehaltlos zu akzeptieren.

  3. Anne

    …”Ausdruck ungenügender Erziehungund mangelnden politischen Formats” DAS SOWIESO und dazu noch Nötigung eines Verfassungsorgans!..Es reicht!

  4. Matthias Kiesselbach

    “Aber man hat sie vorbehaltlos zu akzeptieren.”

    Warum?

  5. Boris (Autor)

    Im Grunde schon deswegen, weil man sowieso nichts daran ändern kann…

    Tatsächlich folgt das aus der Anlage dieses Amtes, wie ich weiter oben schon sagte: der BP ist parteipolitisch unabhängig und in seinen Entscheidungen souverän. Ist so ähnlich wie bei einem Fußballschiedsrichter.

    Man kann seine Entscheidungen natürlich auch gerne nicht akzeptieren. Man könnte dann vor der Kamera Männchen bauen und böse bellen und ein bisschen geifern, weil man nicht damit einverstanden ist. Man könnte sich auch beleidigt und schmollend zurückziehen. Oder mit den Füßen stampfen. Egal, irgendeine der üblichen Reaktionen halt.

    Oder meinetwegen gibt man ihm eben bei der nächsten BP-Wahl seine Stimme nicht mehr. Steht einem ja frei. Kann man ihm richtig eins mit auswischen.

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