Transformationen: Tom, Joey und die Gewalt
27. März 2006 – 8:10 Uhr
Der Film endet auf dem denkbar kleinsten gemeinsamen Nenner:
Die konstruierte Figur ›Tom‹ ist dekonstruiert, es gibt sie nicht mehr. Die ›echte‹ Figur ›Joey‹ existiert nicht mehr, durch die Auslöschung all ihrer historischen Bezüge ist sie selbst ausgelöscht. Was bleibt?
Der Mann, der am Ende in den engen Kreis seiner Familie zurückkehrt, ist das Ergebnis einer Transformation. Er ist genauso Tom, der Joey überwunden hat, wie er Joey ist, der erst dadurch, dass er Tom war, seine Geschichte abschließen konnte.
Ende und Anfang
Seine Heimkunft ist die Stunde Null, von der an für alle Beteiligten das Leben weitergehen muss, weil es keinen Neuanfang geben kann. Es kann ihn nicht geben, weil Tom/Joey seine Existenz nicht einfach ablegen kann.
David Cronenberg führt das in dieser kurzen Schluss-Szene sehr schön aus, indem er die Figuren mit Blicken und kleinen Gesten anstatt mit Worten agieren lässt. Denn gesagt ist längst alles. Das bisherige Leben ist als Lüge entlarvt und war doch wahrhaftig – man hat es ja eben gemeinsam gelebt. Ohne gemeinsame Transformation ist keine Zukunft möglich. Die Tränen sind vielsagend.
Die beiden Kinder akzeptieren die Transformation und den Nullpunkt am wenigsten befangen, weil sie Kinder sind. Edie, Toms/Joeys Frau, scheint mir an einem entscheidenden Punkt zu sein, wo sie sich nicht mehr am Abgrund wähnt, und weiß, dass nur das gemeinsame Weiterleben eine wirkliche Zukunft bedeuten kann.
Tragödien, immer wieder
Lässt David Cronenberg in vielen seiner Filme wie z.B. »Die Fliege« und »Die Unzertrennlichen« (Dead Ringers) die Transformation konsequent und unausweichlich in die Tragödie und den Tod führen, so führt er in »A History of Violence« die Tragödie über die gegenseitige Aufhebung der beiden Figuren hinaus zu einer positiven Auflösung. Zu einem Neuanfang, der im gemeinsamen Weiterleben gefunden werden muss. Die Frage aber, wie das Leben der Familie weitergehen kann, bleibt unbeantwortet. Cronenberg ist zum Glück intelligent und erfahren genug, sie nicht zu beantworten.
Einfache Bilder, inszenierter Raum
Der Film ist mit viel Bedacht in einfacher Bildsprache, mit einfachen, fast geringfügig wirkenden Sets realisiert. Die Kleinstadt-Szenerie wirkt dadurch ausgesprochen glaubhaft, weil sie kleinräumig und kaum Aufsehen erregend ist. Die beteiligten Figuren, Toms Angestellte im Diner, Gäste, der Ortspolizist, die Schulkameraden von Toms Sohn Jack, wirken so beinahe groß und bedeutend. Cronenberg überzeichnet nichts, im Gegenteil, er inszeniert die meisten Szenen in kleinen, bisweilen engen Räumlichkeiten, unspektakulär und nah an seinen Figuren.
Die endgültige Transformation Toms, die ›Rückkehr‹ von Joey, findet im Freien statt, der anschließende Beginn der Transformation der Familie findet dagegen im kleinen Haus der Familie statt und kulminiert in der ganz eng geführten Sex-Szene auf der Treppe.
Die Tragödie schließlich findet ihren Höhepunkt in der Nacht, im überdimensionalen Anwesen von Toms/Joeys Bruder Ritchie. Hier sind alle Figuren klein, wie Staffage, alles wirkt unpersönlich und gelogen. Ein letzter Gewaltakt löscht alle Remineszenzen einer vergangenen Figur aus. Die abschließende Szene am Seeufer im Morgengrauen könnte man ohne Mühe als Abwaschen der letzten Erinnerungsreste sehen.
Gewalt
Wer Filme von David Cronenberg kennt, weiß, dass er Gewalt nicht als ästhetischen Exzess inszeniert. Gewalt in seinen Filmen ist immer entsetzlicher Teil der Gesamtsituationen, die er erzählt. Oftmals grotesk, entstellend, hässlich. Es ist eine Gewähr, dass die Bilder haften bleiben. Seine filmische Kunst ist es, dass immer auch die Tragödie haften bleibt, deren exzessiver Teil die Gewalt ist.
Auch in »A History of Violence« ist die Gewalt Teil der dargestellten Welt, sie ist nichts, was den Protagonisten fremd ist. Ihr Ergebnis wird bewundert, medial ausgebeutet, sie wird – wenn auch nicht a prioi – akzeptiert. Sie ist gewöhnlich, die Protagonisten leben mit ihr, wachsen mit ihr, und wir als Zuschauer tun das auch. Daran ist nichts Schlechtes, und David Cronenberg nimmt uns Zuschauer hierbei immer ernst, lässt uns (in allen seinen Filmen) jederzeit den notwendigen Raum zur Reflexion. Selbst wenn er uns schockiert.
Nachsatz
Ich habe mit dem Ende des Films begonnen, weil es eben dieses Ende ist, das den Wert und die Qualität des Films im Besonderen ausmacht. Nicht zuletzt dieses Ende unterscheidet den Film von vielen anderen Filmen, die bloß Stories sind über Menschen, die von ihrer (kriminellen) Vergangenheit eingeholt werden. Und solche Unterschiede sind es meist, die Filme von David Cronenberg auszeichnen.

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Am 27. März 2006 um 12:11 Uhr
wow. coole rezension. richtig tiefgehend. fand den film auch sehr gut, allerdings fand ich die gewaltszenen schon “ästhetisch choreografiert”. das war keine stumpfe gewalt, sondern sehr kontrollierte, perfektionierte bewegungsabläufe bei joey. in den beiden gewaltszenen wirkte er eher wie ein extrem gedrillter elitesoldat, weniger wie ein brutaler mafioso. ehrlich gesagt fand ich das fast schon unpassend. zumindest wenn man es mal mit der gewaltdarstellung in filmen wie “once upon a time in america”, “goodfellas” oder “the godfather” vergleicht.
Am 27. März 2006 um 14:10 Uhr
Natürlich hat Cronenberg in all seinen Filmen sichtlich Spaß an solchen »grafischen« Szenen.
Und Viggo Mortensen spielt mit gut ausbalancierter Gewalt-Professionalität eine Figur, die frei ist von jeglicher Lust an Gewalttätigkeit, wie sie bei Killern im Mafia-Umfeld sonst so gerne dargestellt wird. Und andererseits scheint mir »Joey« auch nie nur professionell und kalt »Jobs erledigt« zu haben.
Ich denke, das ist für diese Figur absolut richtig, denn sonst erschiene sie mir als »Tom« nicht so glaubwürdig.